Einmalige Walderlebnisse

Wer die Ruhe nicht im  W a l d   findet,   wird sie             woanders vergeblich suchen                                                      (Hl. Bernhard, Abt und Mystiker )

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DAS WALDVIERTEL  ist ein landschaftliches Eldorado und verdient es daher, dass  es  auch  aus  touristischer Sicht  verkehrsmäßig     besser   erschlossen  wird, denn vor allem die Urlauber, welche über  die westlichen   Nachbarländer anreisen,  sind  bei  ihrer  Fahrt die letzten 30 bis  40 Kilometer mit "ungewohnt  veralteten"   Straßen   konfrontiert. Jene,  echte Ruhe- und  Erholungsuchenden, die trotzdem -  ob aus Interesse oder Erfahrung, Sehnsucht  nach  diesem einmaligen "Refugium der  Stille"  haben, sind  rund  eine  halbe Stunden vor  ihrem Ziel  mit  einer  zweispurigen, kurvenreichen Asphalt-Fahrbahn  konfrontiert.  Als  Entschädigung dafür  erwartet   die  Besucher  bei  ihrer   Ankunft  eine unverfälschte hügelige und  sehr  stimmungsvolle  Gegend,  die  mit   ihrem  zurückhaltenden  Zauber,  dem  Gast  n i c h t  gleich im ersten Moment  vereinnahmt   und   jedem  "stürmisch um den Hals fällt", (wie die alles überragen-den  hohen  Berge oder das unendlich   weite,  blaue  Meer), sondern vom Fremden   buchstäblich   "schrittweise" entdeckt   werden   will.  So  lernen die meisten Gäste das  Land  erst  nach  einigen  Tagen  wahrlich  kennen,   wenn  sie beim gemächlichen Wandern  inmitten  bunter Wiesen, entlang  blühender  Felder sowie im allgegenwär-tigen  grüne Nadelwald,  vom  Zauber des Waldviertes  inspiriert  werden  und  dann  bald mit der Natur in ihrer atmosphärischen Gelassenheit in einem vertrauten Einklang stehen.                                               AUCH DIE  weiteren  Tausend  kostbaren  Privilegien  der  Natur  und  deren  therapeutischen Strömungen  werden  in  dieser  sehr  stimmungsvollen  und  traumhaft  unberührten  Gegend freu-dig  wahrgenommen. Nur  so harmlos, wie sich das -  ein  noch  im Alltag des Berufslebens  verhedderter  Großstädter  (den  wir  bei  seinem  ersten  Ausgang in Richtung  immergrünen  Forst  inkog-nito  "auf den Fersen"  bleiben) - vorgestellt hat,  ist dieses Unter-fangen gar nicht.  Denn der Erholungssuchende würdigt in seiner Hektik ein munter quirlendes   Bächlein  auf  der  rechten Seite seines Weges eben sowenig, wie den anmutigen kleinen Misch-  wald auf einer Anhöhe zur linken Hand.

Ebenso  schenkt unser Enspannungssuchender  den am Rande dieses  Haines  "Block auf Block"  von  den  Ele- menten gigantisch aufgeschichteten - und so geradezu "ins Auge springenden" - hohen Granitformationen,  inf-olge  seiner  noch  betrieblichen  Vereinnahmung,  keinen Blick:   "Habe ich der Sekretärin gesagt, dass Günter Ressl (ein LKW-Chauffeur) am Mittwoch  vom  Krankenstand  zurückkommt und  für eine  Fahrt nach Saarbrük-ken  eingeteilt  ist?"  Ein Rabe, auf dem  Wipfel  einer knorrigen  Saumfichte  des  inzwischen erreichten, ange-strebten  Nadelwaldes,  entbindet  mit  seinem  lauten  "Kra-Kra"  den  Wanderer  einer Antwort auf die an sich selbst gerichtete Frage. "Soll das die Begrüßung  zum  Eintritt  in  den  Wald   sein?"  ruft  der   Gestresste  zur  eigenen   Verwunderung über seine spontane  Reaktion  auf  das  Krächzen  des schwarzen  Gesellen  in  des- sen   Richtung.  Der Rabenvogel  scheint   jedoch  an  einem  "Gespräch"   mit  dem  "Erdmenschen"   nicht  be-sonders   interessiert  zu  sein :  Er  schwingt    nach  diesem  Zuruf  die  Flügel  und  flattert - verfolgt von den Blicken  des  "Waldforschers"  -  über  die  unter  ihm  liegenden  Kartoffeläcker  durch  die  Luft,  bis  er nach einigen  hundert  Metern auf  einer kleinen Wiese landet. "Hier  ist  alles ganz anders als im normalen Leben",  stellt  der  Urlauber überrascht   fest  und  setzt  seinen  Weg  in  seiner  Richtung fort. Im Wald  fällt  ihm auf, dass  der Weg  hier  etwas  holpriger  ist.  "Aber  das   passt  schon  -  herrlich  ruhig  ist  es  hier !"  -  stellt  er  erfreut  fest  und  nimmt  sich  gleichzeitig  vor,  nicht  mehr  über zu  Hause nachzusinnen, sondern  überlegt,     wie  er und  seine  Frau  die kommenden drei  Wochen in dieser - was  ihm inzwischen langsam dämmert  -  ansprechenden,  ruhigen und "anderen Welt"  verbringen werden :

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Viel  Spazierengehen,  Naturgeheimnisse aufspüren, Ausflüge zu Sehenswürdigkeiten  machen, "nicht  an  den  Alltag denken",  Erlebnisse auf sich zukommen lassen,  aber auch Veranstaltungen  besuchen :  Im Hotel liegt eine  Broschüre   "DAS  WALDVIERTEL   vom   Maibaumaufstellen  -   Burgen, Schlösser und  Klöster - bis zum Oktoberfest"  auf, die auch     ein umfangreiches  Veranstaltungsangebot enthält. Dieses Prospekt  kann  ihm  und  seiner  Frau  Elvira  als  wertvolle  Hilfe  für ihren  "Alternativurlaub"  dienen.  (Die  "gestylten", "standar-disierten"  und lauten Massenversammlungen, der  bisherigen Urlaube, sind  weit in den Hintergrund geraten).   Nach  etwa  300  Schritten  verlässt  der  ein  ruhiges Plätzchen  zum  Sitzen  Suchende,  den  Waldweg  und  wandelt wahllos zwischen den Bäumen herum. Zehn Minuten später trifft er auf einen etwa kniehohen  Amei-senhaufen, auf dem offenbar  ein  konfuses  Durcheinander  herrscht. Trotzdem sieht  er  dem  emsigen  Trei- ben  interessiert  zu  und muss  nach  längerem   Beobachten  des   anscheinenden  "Wirr-warr's "  feststellen,  dass  keines   dieser  fleißigen  Tierchen    einen   "unnötigen   Schritt"   macht.  Jede  Bewegung    hat  ihren    Sinn,  die  im  Detail -  wie er daheim nachlesen  wird  - z. B.  dem  anspruchsvollen   thermischen   Wohnbau      für  den  Winter  im   Inneren  des  Hügels,  der  Ernährung des Volkes,  der  Nachwuchspflege,  der  Verteidi -     gung   und  anderen  Lebensbelangen,   dienen. Jede  eigene "Truppe" hat  ihren Aufgabenbereich. Er könnte diesem planmäßigen  "Getriebe"  stundenlange  zusehen.  Da  er  jedoch von  der Wanderung  etwas  ausru-      hen  möchte, muss er weiter eine  Rastmöglichkeit  suchen  und  verlässt  schweren  Herzens  das Wirkungs-   feld  der krabbelnden  Schwerstarbeiter. "Aber  ich  komme wieder",  verspricht  er  seinen neuen  Freunden        zum  Abschied.

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Wald :  Balsam für Leib und Seele

Beim   weiteren   Hineingehen  in   den  Wald   achtet  er  stets  darauf, "seinen"  Hauptweg  immer im Auge zu behalten,  um auch wieder heim zu finden. Endlich erblickt er in  einiger  Entfernung  bei  zwei  mittleren Buchen  einen  Baumstrunk zum Niedersitzen. Er legt seinen Pullover auf den Holzstock und setzt  sich. Plötzlich  sind  sie  wieder  da  die  Fragen  von zu Hause: "Habe  ich  Oma  und den  Kindern  gesagt, dass sie "Ronax " (dem Haushund)  jeden  Tag  in  der  Früh  auch einen Napf voll frischem Wasser hinstellen müssen?"

    Wer nie vom Weg abkommt,     

                                    bleibt  auf der  Strecke ?!?                                             ***********

"Was  phantasierte  ich  da  wieder  herum",  ärgert er sich über seinen wieder  einmal  auftretenden Gedanken an  daheim. . So komme ich nie zur Ruhe!  Er setzt sich auf einen gefällten Baumstamm. Das ist doch alles nur  psychischer Ballast, um  das innere "Freiwerden" zu verhindern ! - "Weg    ihr  störenden Alltagsprobleme !"  -   Aber was war das?  Zwitscherten  hier  Vögel?  Tatsächlich,  das gefiederte Volk führt  in den Bäumen anscheinend einen melodischen Dialog. Der  "Waldbesucher"  schließt  die Augen:  Man sollte halt die  einzelnen  Stimmen richtig zuordnen können:  Buchfink,  Rotkehlchen, Meise? Füh-ren sie Liebesgespräche oder geben  sie  ein  Konzert?  In der Ferne  hackt ein Specht  wie  verrückt Nur die Augen nicht öffnen!  "Die gute Luft !"  Denn jetzt nimmt er auch das  das dezente  Fluidum  der  ätherischen Öle und Harze in der Atmos-phäre und von den Bäumen wahr. Ein wohliges Gefühl umgibt ihn.  Doch im gleichen  Moment wollte sich schon wieder eine  Angelegenheit  existenzieller  Natur   einschleichen. Das  empfindet der  gerade dem Trubel entronnen  Geglaubte   als  un-faire,  hinterhältige  "Belästigung"  und   er  drückt  als  Reaktion darauf   die  Augen noch fester zu :  So ging  das nicht wei-ter ;  Er musste eine Methode finden, wie er die  "Welt von da draußen"  von sich fern halten  konnte.  Allmählich nimmt eine  Idee  Formen an:  Nichts tun - gar nichts tun!  Und schon  gar   k e i n e n   H O  S  !   N i c h t   zwanghaft   "Abschalten"!  Kein  konzentriertes  Meditieren!  Nicht  gewaltsam Entspannen !  Sondern:  Mit geschlossenen  Augen  den Gedanken  freien Lauf  lassen.  Aber auch dieser  Versuch  scheint  in  die  falsche  Richtung  zu  gehen : Sein Sinnen kehrt  diesmal  zu  einer  "logistischen  Angelegengenheit"   in  der Firma  zurück. Dieses  Thema  kommt  ihm  jetzt  ganz  zur Un-zeit. Doch noch während  er  sich  "selbstergeben"  fügen  will,  führt  ihn  diese  betriebliche  Szene  gedanklich   zum   "ge-ordneten   Werksablauf"   der  Ameisen,  was   ihn   mit   großer   Befriedigung  erfüllt.  Nun  dreht  sich  sein  Denken  nur  noch um  die  kleinen  rührigen  Krabbler. Im Geiste sieht er das rastlose Gewusel auf  dem  aufgebauten Nadelstreu-  und  Kleinstholzhügel,  der in Wahrheit ein  hochorganisiertes  "Unternehmen"  ist.  Und,  wie verständigen sie sich?  Bei  diesem  Grübeln  überkommt  ihm  eine  ihm  ganz  unbekannte  Entspannung  und  innere Ruhe. Obwohl  er gerne wüsste, wie spät  es  ist, verzichtet er darauf,   die  Augen  zu  öffnen  und  auf  die  Uhr  zu  schauen :    "Gar  nichts -  t u n...!"

Endlich  fühlt   er sich  seinem Wunsch der  Verinnerlichung  näher  zukommen.  Das   ständige  Verlangen,   die  Augen  zu  öffnen, ist weg.  Die  Lider  werden  schwerer.  Ihn  interessiert  nichts anderes mehr als die  "Ruhe".  Die Gedanken setzen    mehrmals hintereinander und wollen nicht mehr mittun.  Allmählich bemächtigt sich seiner ein geistiger Dämmerzustand, während  der  "Weltflüchtige"  noch  immer  die  sanft  würzige  Aura  des  Waldes  wohltuend  wahrnimmt.  Doch  eine sich  unbemerkt  eingestellte  Müdigkeit   bemächtigt   nun alle seine Sinne und ganz unbewusst fällt er in eine wohltuende Um-nachtung,  die sich angenehm  befreiend anfühlt, bis er schließlich in  eine beseligende   "Weltentrückung"  versinkt. 

Der laute Ruf  eines Falken, der über  den Wipfeln seine Run-den   zieht,  stört  den  " Waldträumer"  in   seinem  wonnigen  Schlummer.. Er  muss sich erst fassen und kehrt etwas betrübt in die Realität zurück. Sein erster Blick gilt der Uhr : "Da habe ich ja jetzt eine ganze Stunde geschlafen und bin euphorisch  über  den  Wolken  geschwebt",  reagiert er  schließlich völlig gelassen über die Störung  durch  den  Schreihals. "Jedenfalls  war es ein wunderbares Erlebnis, das mir mit meinem  "Gar-nichts-tun"  widerfahren ist",  stellt er - mit  sich und  der Welt im Einklang - fest.  Dabei ist er sicher, dass dieser ersten ein-zigartigen  "Bewusstseinsausschaltung"  und der damit  verbundenen wonnevollen   "Selbstbegegnung"   noch  weitere  so   zwanglose  "Verinnerlichung"  folgen  werden.  Auf dem Rückweg  aus dem  Forst fällt ihm auf, dass  keine Vogelstimme zu hören ist. (Das "geflügelte Volk"  ist wegen  des  feindlichen  Falkens  in Deckung gegangen).   Außerhalb   des  Waldes  be-merkt  er  auf  einem   Wiesenbuckel  mehrere   Krähen,  die   sich   hüpfend  und  krächzend  wahrscheinlich   darüber   un-terhalten,  wo  es  für  ihre  hungrigen  Schnäbel  etwas  zu  holen  gibt.  Überhaupt scheint sich die ganze Gegend hier "ver-ändert zu haben" :  Er  merkt  nebenan   einen  plätschernden  Bach und  am Waldrand   eines   Hügels  einige  riesengroße  Granitblöcke,  einzelne   Vögel  und   Schmetterlinge,  von  denen  er  sogar einen   als   "Zitronenfalter"   erkennt.  "Warum  habe  ich das alles nicht schon am Hinweg  bemerkt",  fragt er sich und  fühlt sich dabei wie neu geboren. Im  Weitergehen entdeckt  er  gegenüber  dem  im  Tal  liegenden  Ort  einen  großen  Baumbestand,  bei  dem  es  sich um einen Hochwald  handeln  dürfte. "In  diesem  Forst  werden  meine  Frau  und  ich,  wenn  das Wetter  passt,  übermorgen   gemeinsam  eine   ,Gar - nichts -  t u n - Stimulierung´  versuchen",  beschließt er froh gestimmt.  Da   "seine  Elvira"   eine   begeisterte   Natur-freundin  ist, wird sicher mitmachen,

 Loslassen - Freiwerden - R e g e n e r i e r e n

ZUHAUSE ERZÄHLT  er  dann  Elvira  haargenau von  seinem   "Traum- Erlebnis"  und sie stimmt gleich  zu, dass  sie am Donnerstag  (Morgen steht schon ein  Museumsbesuch  in Eggenburg  fest) gemeinsam  seine  Methode  der   "Weltdis-tanzierung  und  Selbstregenerierung"   ausprobieren  werden.  Entsprechend ausgerüstet, wählen sie dann nach einem    Tag, einen etwas ansteigenden  Pfad,  der eine Abkürzung in Richtung des angestrebten Waldes bildet,  um dort  einen ruhiges  Plätzchen  zu finden, wo man seine  störenden  "Alle-Welt-Gedanken"  los  werden kann. Auf ihrem Weg genies- sen sie  bewusst  die  gute  Luft  und  außergewöhnlich  geruhsame  Umwelt  mit  mehreren   blühenden  Mohn-  sowie zahlreichen Kartoffel- und Flachsfeldern.    

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GELEGENTLICH  definieren sie gemeinsam Blumen, die  entlang  des  Weges  wachsen. Besonders angetan sind sie auch von  einzelnen  kleineren  Nadelwäldern in  "greifbarer"  Nähe  und  dem ebenso  malerischen  Waldpanorama  in  der Ferne. Entspannt  plauderten  die  beiden nebenbei über den  gestrigen  Besuch  im  Museum  mit  einer Sammlung  von  urzeitlichen  Exponaten  und  Skeletten  aus  der   300 - millionenjähri-    gen  Erdgeschichte.  Er :  "So  viele  Millionen Jahre Vergangenheit zu dokumentieren, das  ist schon impo-          sant und heute..."  -  "Halt, bleib steh´n, Joachim!", unterbricht ihn seine  Frau unerwartet vehement,  als sie an einer  Birken- und  Föhrengruppe  vorbeikommen,  in  deren  Be-reich  mehrere  riesengroße Granitsteine liegen.  In  vielen Jahren hat sich auf der O-berfläche dieser Felsen  eine Schicht aus Erde, Streu und Nadeln  angesammelt.  Die- ser  Humus  bildet die  spärliche Grundlage für einige kleinere  Birken- und  Nadelholz-sprösslinge.  Elviras  Aufmerksamkeit  gilt  jedoch nur den Wurzeln  einer etwa  zwei  Meter   hohen  Föhre,  die  auf  einer  breiten  Abstufung  des  Felsblockes  steht.  "Da    schau  dir  das  an !",  sagt sie zu ihrem Mann und zeigt auf eine, zum Teil aus der Er-   rde hervorschauende  -  zirka 70  Zentimeter  lange  Wurzel  des Baumes, die  einen selbstständigen  Weg über den Stein genommen hat und dann in  einer Kluft zwischen zwei Blöcken Richtung  Boden verschwindet.   FÜR DIE  WANDERER  ist  das ein bota-nisches Phänomen :  Der eigenwillige  Erdtrieb  besorgt so  zusätzlich  für  den  Baum  Nährstoffe  und  Feuchtigkeit  aus dem Boden. "Wie gibt es das?",  fragt er.  Wie  weiß  die  Wurzel,  w o   sie  zu  Nahrung und Wasser  kommt?   Elvira meint,  dass der Grund  dafür atmosphärisch - hydrologische und geologische  Strahlen und Adern  sein könn-ten.  Worauf  er erwidert:  "Du mit  deiner Wissenschaft - für  mich  ist das ein Wunder !"  Als  Elvira  mit den Worten:  "Wahrscheinlich  haben wir beide nicht unrecht !"  einlenkt,  bleibt für die beiden  "Entdecker"  lediglich  die  Erkenntnis,  dass die  Natur  nicht  nur  keinen Fehler machen   kann, sondern im  Verborgenen  "nebenbei" auch wunderbare, außernatürliche  Werke  hervorbringt.  Im Weitergehen sind sie sicher, dass das Wald- viertel - wenn beide aufgeschlossen ihren Sinnen vertrauen  -   für  sie  noch  "einige"  ungewöhnliche  "Geheimnisse"  bereithält...!    

ALS  sie  nach  einiger  Zeit  in  den angestrebten Wald hineingehen, sind  sie zuerst von den vielen hohen  Bäu-men  überrascht.  Im  Stillen  hätten  sie  sich  eine  etwas  "heimeligere"  Atmosphäre gewünscht. Sie wandern weiter und  stellen nach einer  Viertelstunde  fest,  dass  die hohen Stämme etwas zurückweichen, daher be-schließen sie den Waldweg zu verlassen. "Merk´ dir den  Weg",  sagt  die Frau.  Er murmelt nur:  "Ja, ja".  Der  Mann blickt  stets  suchend  herum,  während  sie  hinter  einer  Lichtung  einen  Jungwald  entdeckt  hat  und  diesen  gezielt  anstrebt.   Als  auch  Joachim  dort  eintrifft,  hat sie schon das Gelände erkundet und präsen-tiert  es  ihm  begeistert.  Tatsächlich  scheint  der  Platz  ideal für eine Rast. In  einiger  Entfernung  erschwert  eine  Anhöhe  mit einem "Gebirge"  von  teils mit und Moos  bedeckten,  mächtigen Steinen ohnehin  ein  Wei-terkommen  in  dieser Richtung.  Zwischen  höheren  Bäumen und  dem Jungforst   bietet  eine  kleine  Gras-  und  Heidekrautfläche  einen  Platz zum Verweilen.  "Das  ist  für  uns  wie  geschaffen",  meint er und  breitet gleich seine mitgebrachte  Decke  auf  einer kleinen  Grasfläche neben  dem Beerenkraut aus.  Die  Frau stellt  in  einiger  Entfernung  ihren  Klapphocker  an  eine   mittelstarke  Lärche  und  setzt  sich hin, wobei sie den Stamm  als  "Rückenlehne"  verwendet,  da  sie  weiß,  dass  im  Inneren   des  Baumes  heilsame  Substanzen  strömen,   die  dann  zum  Teil  auch  die  Aura des   Waldes    bereichern.  Elvira  wirft  noch   einen  Blick in  Richtung  ihres  Partners,  kann  ihn  aber  nicht erblicken. Sie steht nochmals auf  und da sieht sie ihn ihn,    "alle Viere von sich gestreckt" auf einer Grasfläche zwischen den Beerenstauden liegen. "Na, um den brauch´ ich mir keine Sorgen zu machen",  sagt  sie zu  sich selbst  im  Niedersetzen.  Was  hat  er  gesagt ?  Erstens,  die Augen  schließen,  zweitens,  nichts  Bewusstes  denken  und  nichts  tun,  drittens,  die  Augen geschlos-sen  halten. Gut,  sie schließt die Augen. ("Das war kein Problem...!")  Aber : Nichts  denken  und Nichtstun,    wie  soll  d a s  gehen?  Ihn  kann  sie   jetzt   auch nicht  fragen. Je  mehr sie sich  anstrengt,  nichts  zu  den-ken,  umso   mehr   Gedanken  und   "Dinge"  stürmen  auf  sie  ein.  Sie  erinnert   sich  an  die  Tipps   ihres  Mannes:  Nicht  wehren,  nicht   gewaltsam   alles  ausschalten   wollen:  "Gar - nichts - tun".   Als  in  der   nä-heren  Umgebung  eine  Wildtaube  gurrt,  öffnet  sie  kurz die Augen.  "Oh  Schreck,  das  darf  nicht  mehr  passieren!",  flüstert sie.  "Aber warum gibt  es hier keine Vogelstimmen?"  Im gleichen  Moment erkennt sie,  dass  sie  sich  zu  wenig  an  die  "Vorgaben"  des   "Nichts  Bestimmtes denken - nichts  tun!,"  hält.  Und  so   nimmt  sie sich vor : Einfach alles  geschehen zu  lassen, was  bei geschlossenen  Augen kommen  will. Da-  bei  hilft  ihr  die  Erkenntnis, "dass   ja  eigentlich  momentan  eh´  nichts  wichtig  ist".  An  etwas  Schönes  denken !  Aber  da  kommt ihr  -   zum  Trotz-  plötzlich  das  ärgerliche falsche Abzweigen mit dem  Auto in    den  Sinn,  zu dem sie  selbst  ihren  Mann  während der Fahrt nach Eggenburg ungewollt  verleitet hat.  Und  sie  dann  drei Kilometer in die verkehrte  Richtung   gefahren  sind.  Während   der  ganzen Rückfahrt  auf   dieser  falschen  Strecke   hat  Joachim  leise vor sich  hin gepfiffen :  (Das  war  "Tierquälerei",  erinnert sie  sich  halb  belustigt.  "Wenn  er  wenigstens  ,anständig´  geschimpft hätte...!")  Aber was soll  der Schmarrn  hier?  Es ist sicher nicht im "Sinne  des  Erfinders", wenn ich hier  solche  Missgeschicke  aufwärme:   So  ein  "negatives  Zeug",   kann  nicht  zum  gewünschten  "Ruhigwerden"  führen. Nach  einer   längeren  Weile  des   "In - sich - Hineinhorchens",  wird  sie  tatsächlich  spürbar  gleichgültiger.  Ihre  Sinne  werden  jetzt  zu  den  bemoosten  Steinen  da  vorne  gelenkt.  "Gut  von   mir  aus".   Doch  auch  dafür  nehmen ihre Gefühle  bald  wieder  ab.  Langsam   bemerkt  sie,  dass  sie  eigentlich  gar  nichts  richtig  interessiert,  sondern  am  lieb- sten  ihre  Ruhe  hätte.  Aber  "wie  es  halt  immer auch  ist, die  Augen  bleiben jedenfalls zu ! ".  Angenehm  empfindet sie die  zart  harzige  Waldluft  und  die ungewohnte, wohltuende  Stille.  Nur  die  Taube  gurrt in unregelmäßigen Abständen. Allmählich stellt sich eine  - nicht unerwünschte Gleichgültigkeit  -  ein  und so besteht  jetzt  auch  keine  Gefahr  mehr,  dass  sie  die Augen willkürlich  öffnet. Das Letzte, was  sie  einnik-kend  denkt  ist :  Hier  möchte  ich   i m m e r   sitzen  bleiben.  Das  leise  Zwitschern  einzelner  Vögel  geht         jetzt schon im Dämmerschlaf unter...

JOACHIM  glaubt schon Routine zu haben. Aber weit gefehlt ! Als er die Augen schließt, schießen gleichzeitig die Gedanken ein :  Morgen  fahren  wir nach Rappottenstein, wo eine Burgbesichtigung geplant ist. Muss ich vorher tanken? - "Nein, so geht das nicht !" Was hat dieses ungebührliche "Getue" da in diesem Wald verloren? Indessen hat er auch ganz auf  "seine  Theorie"  vergessen :  Gar nichts tun,  sich nicht wehren,   Gedanken  an  "die Welt da  draußen  muss  für  ihn  Luft sein ". Wichtig ist jetzt nur:  Augen zu und  "geistig wegtreten´".  Das Empfinden,  dass  es  momentan nichts Sinnvolleres gibt, als  hier zu liegen, verleiht  ihm  eine  große  innere Genugtuung.  Als sich  schließlich  "seine"  Ameisen  "einschleichen",   wird  er von dieser eigenen Welt verein-nahmt  und  alles nimmt   seinen  gewohnten  Lauf.  Nach  einigen  Minuten  "überwältigen"   die   unzähligen,  vor seinen  geschlossenen  Augen rastlos grabbelnden   Ameisen,  sein   bereits  getrübtes  Bewusstsein,  bis  ihn schließlich  das  "ganze Volk"  in  der  harmonischen  Formation  einer  ständig  größer  werdenden  imagi-nären  Spirale,  all´  seiner  Gedanken  entbindet...               

                                                                                

ELVIRA  erwacht  nach  einem  längeren  tiefen  Schlaf  und dem  schönsten  Traum  ihres Lebens  nach etwa  einer  dreiviertel Stunde. Sie  fühlt sich glückselig  und  will  diesen  Zustand voll  genießen. Als sie sich nach etwa  zehn  Minuten erhebt und in Richtung ihres Mannes schaut, ist die Decke  leer :  Er wandert über einige hundert Meter entfernt  suchend  herum.  Nach  längerem  Winken und  halblauten Rufen, kommt er dann nä-her. Sie geht ihm ein Stück entgegen. Dann fallen sie sich - beide sichtbar  zufrieden  - lachend  in  die Arme und tauschen  ihre  Erfahrungen aus. Die Frau fragt  ihn  lächelnd: "Hast  du einen Ameisenhügel gefunden?".    Er steigt auf diese "anzügliche" Frage nicht gleich ein :  "Wieso, ich  habe ja Schwammerl gesucht ? Trotzdem  werde ich  dir  Übermorgen die Wunderwelt meiner kleinen Koryphäen  zeigen". Sie freuen sich  beide schon  heute   auf   die  damit  verbundene   "Waldinspirierung"   und   genießen  noch   einige  Zeit  das  behagliche  Flair  ihres Rastplatzes,  dann  wandern  sie  Hand  in  Hand  zurück. Wie  beim Hingehen, nennen  sie wieder    die ihnen  bekannten  Blumen und Pflanzen am Wegrand  mit  ihren Namen:  Buschwindröschen,  Spitzwe-gerich,  Waldveilchen,  Storchenschnabel,  Schafgarbe..."                                                                                                            Elvira  kennt auch einige herumschwirrende Schmetterlinge :  "Tagpfauenauge, Schwalbenschwanz,  Großes Ochsenauge".  Jochim will  mitreden können :  "Und wie heißt der gelbe da ?",   fragt  er  scheinheilig. Darauf sie :  "Na,  den  kennt  doch  jeder Depp, das  ist  der  Zitronenfalter."  Joachim  verschlägt  es  fast die Rede.  Er  wollte  sich  aus  der  Affäre  ziehen  und  sagte zu  seinem Verhängnis : "Ich  hätte es ohnehin  ge-wusst,  ich wollte dich nur testen". Sie, belustigt : "Darum sagte ich  ja, den kennt  jeder Depp !"  Da hörte sich doch alles auf :  Nun war es aber Zeit  für  Revanche.  Also  fragte er,  mit der Hand in eine Richtung zeigend :  "Und wie  heißt  der  blaue  dort ?"  Sie: " Wo,  wo ?  Blau ---?"  Er : "Jetzt  ist er  weg, das  war ein  "Pflaumen-falter".  "Blau wie ein Zwetschke !" Sie (misstrauisch) :  "Gibt's den überhaupt?". Joachim : "Ja, sicher !  Weißt  du  das nicht ? Den kennt doch jedes kleine  Kind !"  Dabei  dachte er :  Also,  jetzt  steht's 1 : 1.  Sie  gab  sich  jedoch nicht zufrieden:  "Da  muss ich im Quartier dann im Buch "Flora und Fauna" nachschlagen."  Das saß !  Oh, je ! Sie hat mich durchschaut !  Ich bin wirklich ein Depp. Ich werde ein Geständnis machen. Aber sie kam  ihm zuvor und erklärte belustigt :  "Joachim,  du  bis   kein  Depp,  und den "Zwetschkenfalter" gibt es ebenso-  wenig. Aber ich bin ein kleines Kind und kleine Kinder spielen gerne..."                                                                                                                                                                             V                     

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"VOM  WALD HABE ICH  MEHR  GERLERNT ALS  AUS        ALLEN  BÜCHERN   DER WELT"                                                                                                                         (Bernhard v. Clairvaux, Abt u. Mystiker um 1200)